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Heuersdorf


Heuersdorf war ein sehr alter Ort in der Leipziger Tieflandsbucht in der Umgebung von Borna. Die Kirche in Heuersdorf wurde im Jahre 1297 erwähnt. Es handelt sich um die berühmte Emmauskirche, die heute in Borna gegenüber der Stadtkirche steht. Bis 2009 wurden alle Häuser abgerissen. Die Gemarkungsfläche wurde vom Tagebau Schleenhain abgebaggert.

Heuersdorf im Herbst 2008

1430 wurde Altenburg von den Hussiten überfallen und die Truppen richteten in der Gegend schwere Verwüstungen an. Von 1456 bis 1461 kämpften die Truppen des Herzog Wilhelm III. und Kurfürst Friedrich II. gegeneinander, um den Besitz der wettinischen Lande. Im Laufe dieser Auseinandersetzungen wurde auch der Nachbarort Meuschendorf zerstört, welcher bereits im Jahre 1105 in den Pegauer Annalen erstmals urkundlich erwähnt wurde.

Landschaft westlich von Heuersdorf

Im Jahre 1487 wurde Heuersdorf als „Heyersdorf“ erstmals erwähnt. Eine andere Schreibvariante von 1494 ist „Heynersdorff“. Bis zum Jahre 1497 gehörte es zur Herrschaft Schönburg. Die darin liegenden Besitztümer unterstanden einem mächtigen Adelsgeschlecht. Ihr Gebiet befand sich zum Großteil in den heutigen Landkreisen Mittelsachsen und Zwickau. Danach wechselte Heuersdorf zum Amt Borna und blieb dort bis zur Auflösung des gleichnamigen Landkreises nach dem Ende der DDR.

Dorfstraße in Heuersdorf

Heuersdorf war bis zu seiner Zerstörung ein typisches Gassendorf.  In der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts stieg die Bevölkerungszahl auf über 200 und nach der Jahrhundertwende noch etwas weiter. 1935 wurde das benachbarte Großhermsdorf nach Heuersdorf eingemeindet. Die neue Gemeinde hatte damals rund 500 Einwohner. Nach der Wende ging die Einwohnerzahl von 347 im Jahre 1990 wieder leicht zurück, auf 303 Menschen zum 31. März 1997.

Der Gasthof von Heuersdorf

Kirchlich gehörte Heuersdorf schon seit jeher zu Breunsdorf. Das blieb auch nach der Reformation so. Die Kirche von Breunsdorf gibt es heute ebenfalls nicht mehr, weil der Ort bereits im Jahre 1994 abgebaggert wurde. Von 1920 bis 1926 war Heuersdorf vorübergehend zu Großhermsdorf eingepfarrt. Seit 2001 war es Teil der Kirchengemeinde Lobstädt.

Inri in der Emmauskirche

Die beiden Orte wuchsen zusammen, nicht nur baulich, sondern auch die Bewohner. Sie hatten gemeinsame Vereine, die Kinder gingen in eine gemeinsame Schule und es herrschte ein ländliches Flair. Hier gab es viele Bauernhöfe, meist als Fachwerkbauten angelegt und später unter Denkmalschutz stehend. Das Dorf war offen, und so gesellten sich im 20. Jahrhundert zahlreiche Neubürger hinzu.

Straße nach Heuersdorf

Um 1900 gab es in der Umgebung von Heuersdorf einen Bergbau in kleinerem Umfang. Ab 1949 wurde im Tagebau Schleenhain Braunkohle gefördert. Damals wollte man noch kein Geld in die Entwicklung von alternativen Energien wie Solar-, Wind- und Wasserkraft stecken. Braunkohletagebauten sind eine besonders fatale und zerstörerische Art, sich an der Umwelt zu rächen. Großflächig wird das Land mit Flora, Erdboden und Gestein abgebaggert. So entsteht ein riesiges Loch und die Kohle wird abgetragen. In der Zeit der DDR wurde keine Rücksicht auf das genommen, was sich auf diesem Land befand. Egal ob riesige Wälder, Flussauen oder verträumte Dörfer, alles wurde dem Erdboden gleichgemacht.

Die Flussaue der Urpleiße bei Heuersdorf hatte sich vor Jahrmillionen auf natürliche Art gebildet. Sie fiel ebenfalls dem Bagger zum Opfer.

Die Menschen, die seit vielen Generationen auf diesem Land siedelten, hatten nichts zu sagen und wurden oftmals einfach enteignet. Sie mussten sich woanders eine neue Heimat suchen. Am Rand von Städten entstanden für sie Wohnkomplexe in Plattenbauweise, die mitnichten mit dem vorherigen Leben zu vergleichen waren, das diese Menschen führten. Ein Beispiel dafür ist die Großwohnsiedlung Grünau bei Leipzig. Die Wohnungen waren für DDR-Verhältnisse modern ausgestattet und beheizt. Die Infrastruktur war gut, aber mit den Jahren verlor sich die Gemeinschaft, weil immer mehr Menschen einfach wegzogen.

Heuersdorfer Straße in Großhermsdorf

Der Tagebau Schleenhain forderte seine Opfer: Es wurden unter anderem das gleichnamige Dorf sowie Droßdorf, Breunsdorf und Zöllsdorf überbaggert. Eine riesige Bandanlage befördert bis heute die Braunkohle in das Kraftwerk Böhlen-Lippendorf, wo der Rauch aus kolossalen Schornsteinen aufsteigt und bis weit über Leipzig hinaus sichtbar ist.

Schaufenster: "700 Jahre Heuersdorf - Tagebau ist Heimatklau"

Mit Auflösung der DDR änderte sich die Situation für Heuersdorf zunächst recht positiv. Denn die Regierung von Sachsen ließ 1993 mitteilen, dass der Ort Heuersdorf erhalten bleibt. In der heutigen Zeit kein Problem mehr, denn entweder hätte Heuersdorf umbaggert werden können, oder man hätte gleich auf den weiteren Abbau verzichtet und direkt auf umweltfreundliche Energien umgestellt.

Am Ortseingang von Heuersdorf

1995 wurde der so genannte „Heuersdorf-Vertrag“ verabschiedet, der die Umsiedlung der Bewohner von Heuersdorf und Großhermsdorf und die Abbaggerung des Gebietes zum Inhalt hatte. Vom 1. Januar 1999 bis 1. Oktober 2000 gehörte die Gemeinde Heuersdorf vorübergehend zu Regis-Breitingen. Zum 1. Oktober 2004 wurde Heuersdorf erneut ein Teil von Regis-Breitingen. Um ihre Heimat nicht verlassen zu müssen, organisierten die Bewohner zahlreiche Aktionen und Veranstaltungen auf denen bekannte Künstler sprachen.

Die Heuersdorfer Emmauskirche in Borna, November 2008

Im Mai 2006 wurden die ersten Häuser in Heuersdorf abgerissen. Im Oktober 2007 wurde die berühmte Emmauskirche unter großem Aufsehen nach Borna umgesetzt. Sie wurde in der Altstadt gegenüber der Stadtkirche aufgestellt und kann dort besichtigt werden. Für die Bewohner gab es ein Angebot, in neue Häuser in das Wohngebiet „Am Wäldchen“ in Regis-Breitingen zu ziehen. Viele Heuersdorfer nahmen dieses Angebot wahr.

Heuersdorf nach dem Abriss der Häuser

Bis 2008 waren alle Häuser des alten Ortsteils Heuersdorf abgerissen, und man konnte über große Erd- und Schuttmassen die Türme des Kraftwerks Lippendorf sehen. Nur Großhermsdorf mit der Taborkirche stand noch. Am 23. November 2008 fand hier der letzte Gottesdienst statt, da am Tag darauf die Kirche entweiht werden sollte. Der umgebende Friedhof wurde im Laufe des Jahres 2008 geräumt und diente 2009 einem Archäologenteam, um eventuelle Funde noch zu sichern.

Archäologische Ausgrabungen vor der Großhermsdorfer Kirche

Wieso konnte niemand verstehen, dass es hier nicht um bloße Sachwerte geht? Die Dörfer, die Wälder, das schöne Land mit all den Geschichten, die damit verbunden sind, können nie wieder in ihren ursprünglichen Zustand versetzt werden. Was davon übrig bleibt, kann nur im Gedächtnis der Menschen weiterleben.

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