Mitteldeutsches Braunkohlerevier

Zwischen Bitterfeld im Norden, Zeitz im Süden, Mücheln im Westen und Borna im Osten lagen früher eine Anzahl von Bergbaugebieten, die als "Mitteldeutsches Braunkohlerevier" bezeichnet wurden. Noch um 1900 war die Gegend von vielen Flüssen und waldreichen Auen durchzogen. Dann wurden erste Kohlegruben aufgeschlossen. 

1925 ging das Kraftwerk Böhlen in Betrieb. Durch das Entstehen neuer Arbeitsplätze wurden auch Menschen aus entfernten Gegenden angezogen. Für sie entstanden Siedlungen, die Kaufkraft wuchs und die Infrastruktur verbesserte sich. Doch der Braunkohleabbau machte nicht an Ortsgrenzen Halt. Gaumnitz bei Zeitz war das erste Dorf, welches komplett entvölkert und zerstört wurde. Am 29. Juni 1931 wurde der Kirchturm gesprengt.

Das kleine Dorf Gaulis mit Kraftwerk Lippendorf

Noch fataler wirkte sich die Situation in der DDR aus. Die Staatsregierung erklärte die Braunkohle quasi zu ihrem Kulturgut und wichtigsten Energielieferanten. So entwickelte sich das Mitteldeutsche Braunkohlerevier neben dem Lausitzer auch zum bedeutendsten Erzeuger und größten Umweltverschmutzer. Neben Kohle wurde in den Standorten Böhlen, Leuna und Bitterfeld auch giftige Chemie erzeugt. Zwar konnte man in dem so vorbildlichen Arbeiterstaat dort gutes Geld verdienen, aber musste auch gesundheitliche Risiken mit einkalkulieren. Wer in Bitterfeld wohnte, hatte keine hohe Lebensqualität. Im Umfeld der Kraftwerke und Tagebaue war die Luft voller Qualm, Ruß und zweifelhafter Substanzen. All dies legte sich auf den Gebäuden nieder und machte die Umgebung der großen Kulturstadt Leipzig zu einem Ort der Traurigkeit.

Bergbau-Technik-Park bei Großpösna

Die DDR-Regierung setzte sich völlig unbekümmert über die Belange der Dorfbewohner hinweg. Ein Tagebau nach dem anderen wurde aufgeschlossen. Die Menschen in den Dörfern bekamen ein Angebot, ihr Haus an anderer Stelle wieder aufzubauen oder wurden gleich zu Hunderten in gigantischen Wohnbatterien untergebracht. Wer das nicht wahrnahm, wurde zwangsumgesiedelt und bekam nichts. Und natürlich blieben die Leute nicht immer beieinander, sondern verteilten sich an verschiedene Orte und verloren sich aus den Augen. Generationen und Familien, die über Jahrhunderte gewachsen waren, wurden für immer zerstört. Das alles, weil die DDR-Regierung ohne Rücksicht an die Kohle wollte.

Neukieritzsch entstand hauptsächlich wegen des Tagebaus

Auch die Infrastruktur wurde zerstört. In einem Staat, der Wert auf sein Arbeiter- und Bauerntum legte, holzte man große Wälder ab, vernichtete Ackerflächen, Wiesen und Wege. Flüsse wurden in Betonbetten umgeleitet und Straßenverbindungen und Eisenbahnlinien unterbrochen. Menschen, die zwischen den Tagebauen lebten, hatten also nicht nur die Angst, bald Opfer zu werden. Sie mussten auch noch mit erheblichen Einbußen rechnen, Umwege in Kauf nehmen und stets Krach und Staubpartikel, vermischt mit Substanzen jeglicher Art ertragen. Für viele Orte herrschte ein Baustopp, sodass weitergehende Planungen nicht mehr möglich waren.

Braunkohletagebau "Vereinigtes Schleenhain"

1989 kam die politische Wende, und man hoffte, dass der Spuk bald ein Ende hätte. Tatsächlich wurden lange brachliegende Pläne, die Tagebaulandschaften zu rekultivieren und wiederzubeleben, relativ rasch umgesetzt. Bereits in den Neunzigerjahren entstand in einem Restloch südlich von Leipzig der Cospudener See, der heute ein beliebtes Naherholungserziel ist und über einen Hafen und Strände verfügt. In der Nachbarschaft kamen der Markkleeberger See, Störmthaler See und Zwenkauer See hinzu. Diese werden miteinander durch Rad- und Wanderwege sowie teils durch Kanäle mit dem Leipziger Stadthafen verbunden. Unter dem Namen Neue Harth wurde ein Teil des Leipziger Umlandes wieder zum Leben erweckt.

Rekultivierungslandschaft am Störmthaler See

Weitere Infrastruktur wurde geplant und umgesetzt. Dazu gehörten neue Wohngebiete, Uferpromenaden, Strände, Erlebnisorte, Aussichtspunkte, Feriendörfer und ein Freizeitpark. Die Straße der Braunkohle führt zu über 200 thematisch passenden Objekten in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. In der Nähe des Störmthaler Sees entstand ein Bergbau-Technik-Park. Bei Gräfenhainichen gibt es Ferropolis, die Eisenstadt. Besucher können fünf Braunkohlebagger auf einer Insel erleben. Der Ort wird auch für Veranstaltungen genutzt. Museen beschäftigen sich mit dem Thema Braunkohle. An den neuen Seen und noch bestehenden Tagebauen wurden Aussichtspunkte eingerichtet.

Hier entsteht der Hafen am Kap Zwenkau

Zu den bekannten Gewässern im ehemaligen Tagebaugebiet gehört die Goitzsche bei Bitterfeld. Einen Teil des Ufergebiets hat der NABU gekauft und steht seitdem unter Naturschutz. Der Besucher kann schlendern, gastronomische Angebote wahrnehmen oder einen Aussichtsturm besteigen. Ein ähnliches Konzept gibt es für den Geiseltalsee mit dem Hafen Mücheln. Auf dem Störmthaler See können auf der schwimmenden Insel Vineta Trauungen vorgenommen werden. Häfen mit Liegeplätzen gehören zu den Besonderheiten der größeren Seen. Ein paar davon lassen sich mit dem Fahrgastschiff erleben.

Goitzschesee bei Bitterfeld

Bei der Rekultivierung der Tagebaue gab es auch Rückschläge. Das zeigte der Erdrutsch von Nachterstedt im Jahre 2009, als Erdmassen und Häuser in einen See fielen. Nach wie vor sind Tagebaue in Betrieb. Ende der Neunzigerjahre wurde ein Kraftwerk in der Nähe von Leipzig erneuert. Über Förderbänder gelangt Kohle aus dem benachbarten Tagebau Vereinigtes Schleenhain in eine Anlage und wird in Energie umgewandelt. Die Kühltürme sind von weitem sichtbar. Der Rauch bildet nachgewiesenermaßen dunstige Wolken, die je nach Wetter über der Umgebung lange hängen bleiben. Untersuchungen belegen, dass der Schadstoffgehalt der Luft um Leipzig zumindest partiell erhöht ist. Letztendlich sind es die Bewohner, die den beißenden Qualm und den Anblick des Kolosses jeden Tag ertragen müssen.

Wieder aufgebautes Breunsdorfhaus in Leipzig-Dölitz

Was dieser Tagebau noch alles anrichten kann, wurde am Beispiel von Breunsdorf und Heuersdorf deutlich. Beide Orte gibt es nicht mehr. Von Breunsdorf existieren nur noch wenige Siedlungshäuser, ein Bauernhaus wurde nach Leipzig-Dölitz umgesetzt. Die Kirche von Heuersdorf wurde unter großer Beachtung der Presse nach Borna transportiert. Eine weitere Kirche, die im Ortsteil Großhermsdorf stand, wurde nach einer archäologischen Bestandsaufnahme mit den übrigen Gebäuden, darunter viele Fachwerkhäuser, einfach abgerissen. Der größte Tagebau, Profen, kostete schon vielen Menschen ihre Heimat. Und sogar Ende der Neunzigerjahre mussten die Einwohner von Großgrimma im Burgenlandkreis wie auch die der umliegenden Dörfer ihre Häuser verlassen.

Bauernhaus in Heuersdorf

Nach der Jahrtausendwende kam es zum Aufschrei, als Pläne über einen weiteren Tagebau bei Lützen bekannt wurden. Der Ort, wo im Dreißigjährigen Krieg die Schlacht zwischen den protestantischen Schweden des Königs Gustav Adolf und den katholischen Truppen von Wallenstein stattfand. Ein Denkmal erinnert heute noch daran und wird regelmäßig von Gruppen aus Schweden besucht. Natürlich treffen derartige Pläne in den heutigen Zeiten auf erbitterten Widerstand. Gerade jetzt, wo es genug alternative Energien durch Windkraft oder Sonnenenergie gibt.

Kraftwerk Lippendorf

Alle Menschen haben ein Anrecht auf ihre Heimat. Erholungsgebiete mit Seen sind da schön und gut, aber nach einer Totalveränderung durch die riesigen Braunkohlebagger kann diese Gegend nie wieder dieselbe sein, wie sie in Jahrmillionen auf natürliche Art geschaffen wurde.
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