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Kursdorf

Im Zentrum der Welt – und doch verlassen

Kursdorf gehört zur Stadt Schkeuditz und liegt im Landkreis Nordsachsen. Der Ort ist der einzige, der sich komplett in einem Flughafengelände befindet. Rundherum wird er von der Autobahn A 14, der DB-Fernverkehrsstrecke mit Bahnhof und dem Leipzig/Halle Airport begrenzt.

Kursdorfer Ring, Dezember 2008

Schon seit 1927 gibt es einen Flughafen an dieser Stelle. Während der DDR-Zeit hielt sich der Betrieb in Grenzen. Doch nach der Wiedervereinigung stieg das Fluggastaufkommen, das gesamte Gelände wurde grundlegend umgebaut, neue Terminals entstanden, und im Jahre 2000 wurde nördlich der Autobahn eine Start- und Landebahn für größere Flugzeuge eingeweiht. Schließlich eröffnete das Frachtunternehmen DHL 2008 hier einen internationalen Umschlagplatz, was für den Flughafen mehr Investitionen, aber auch mehr Verkehr bedeutete.

Dorfteich mit Kirche und Schule im Hintergrund, Dezember 2008

Zu diesem Zeitpunkt waren aus dem einst mehrere hundert Einwohner zählenden Dorf schon viele weggezogen. Ständiger Lärm durch die Flugzeuge, verbunden mit dem Geruch von Kerosin in der Luft zählen nicht zu den Aspekten, die die Wohnqualität erhöhen. Verschiedentlich wurde in der Presse, Funk und Fernsehen über das Schicksal des Dorfes berichtet. Auch die Menschen, die hier lebten, meldeten sich zu Wort. Denn sie waren nicht die einzigen, die sich über den Fluglärm beschweren. Initiativen und Stimmen gegen das hohe Verkehrsaufkommen und für ein Nachtflugverbot gibt es aus dem benachbarten Leipzig und weiteren Umlandgemeinden.

Mittelalterliche Kirche mit Friedhof, Dezember 2010

Dabei war Kursdorf früher durchaus ein idyllischer Ort. Vom Flughafen fährt man auf der Glesiener Straße hinein. Gleich am Anfang sieht man den Dorfteich, der von hochgewachsenen Bäumen umgeben ist. Dahinter steht die evangelische Kirche, deren Ursprünge im Mittelalter liegen. Sie zählt zu den ältesten Gotteshäusern im Land und wurde im Jahr 1310 aus Feldsteinen erbaut. Darauf weist eine Jahreszahl am Gebäude hin. Die zweite Jahreszahl erinnert an eine Erneuerung im Jahre 1354. Neben der Kirche befinden sich ein Kriegerdenkmal und der Dorffriedhof. Die Gräber wurden in der Zwischenzeit exhumiert. Erst im Jahre 2001 wurde die Kursdorfer Kirche restauriert. Aufgrund des Wegzuges vieler Bewohner wurden Konzepte zur alternativen Nutzung entwickelt. Gottesdienste finden in der Kirche noch gelegentlich statt.

Kursdorfer Ring, Dezember 2010

Gegenüber befindet sich der Schulplatz. Über den Kursdorfer Ring lässt sich der Ort weiter erkunden. In einer Seitenstraße gab es die „Freiwillige Feuerwehr Cursdorf, gegr. 1933“. Es hatte eine intakte Infrastruktur mit Geschäften, Kleingartenverein, einer Gärtnerei, Bushaltestelle und allem was dazu gehört. Am Ende des Rings lag der romantisch-verträumte Dorfkern. Schräg gegenüber dann der Angerteich, der die Bewohner vergangener Jahrhunderte sicherlich hilfreich mit Wasser versorgte. Gleich dahinter kann man heute die Flugzeuge vorbeirollen sehen, und man blickt genau auf einen Flughafentower. Hier stand den einheimischen Freizeitkickern ein Sportplatz zur Verfügung.

Rollbahn hinter dem Sportplatz, Dezember 2008

Spaziert man nun am Angerteich vorbei wieder zum Ring und vor zur Freirodaer Straße, hat man den Ort schon fast verlassen. Auf der einen Seite hat sich bis heute noch eine Gärtnerei gehalten. Auf der anderen Seite beginnt eine Baumreihe, dahinter steht das Ortsschild und nach einer kurzen Strecke trifft man auf die Flughafenallee. Zwischen der Freirodaer Straße und der Lärmwand vom Flughafen liegt eine Kleingartenanlage. Diese trägt den passenden Namen „Erholung an der Rollbahn GbR“, wie man ihn auf einem Schild am Eingang ablesen kann. Rund um den Schkeuditzer Weg wurden die Häuser schon abgerissen.

Glesiener Straße, Dezember 2008

Zum Jahreswechsel 2010/11 hatte sich Kursdorf sehr verändert. Einige Gebäude werden als Hotel, Lager oder Werkstatt genutzt. An anderen Stellen wurden ganze Straßenzüge abgerissen oder man sah den Häusern an, dass ihnen bald dieses Schicksal blüht. Immer noch schön ist die alte Dorfpartie mit dem Teich rund um die Kirche. Auf jeden Fall wäre es zu begrüßen, wenn dieses Idyll erhalten bliebe. Erfreulich auch, dass es noch eine Gärtnerei gibt, die den Ort belebt.

Freirodaer Straße mit Gärtnerei, Dezember 2010

Teilweise erweckte ein Spaziergang durch den Ort den Eindruck, irgendwo auf dem Land zu sein. Doch dann lassen einen wieder die Geräusche der Flugzeuge aufhorchen, der Geruch von Kerosin liegt in der Luft, und vom anderen Ende kommt ein leises Rauschen von der Autobahn her. Es ist schwer einzuschätzen, wie es ist, hier zu wohnen. Früher muss es mal sehr schön gewesen sein, und es ist sehr schade, wenn jetzt alles aufgegeben wird. Das Schicksal von Kursdorf und seinen Bewohnern sollte weiterhin mit großem Interesse verfolgt werden.

Alte Schule, Dezember 2010

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