Abgebaggerte Orte

Bilder aus untergegangenen Dörfern

Um 1900 wurden in der Umgebung von Leipzig erste Kohlegruben aufgeschlossen, die den steigenden Energiebedarf der Fabriken abdecken sollten. Das schuf Arbeitsplätze, und zog auch viele Menschen aus weit entfernten Orten an. Schnell entwickelte sich das Gebiet zum Mitteldeutschen Revier, dem erste Dörfer zum Opfer fielen. Bereits 1931 erfolgte der Abriss von Gaumnitz in der Nähe von Zeitz. Ab dieser Zeit wurde auch keine Rücksicht mehr auf die Belange der Einwohner genommen, weitere Dörfer folgten umgehend. Tausende Menschen wurden von dem Land ihrer Vorfahren vertrieben.

Niederlegung des Kirchturms von Gaumnitz am 29. Juni 1931

Die gewonnene Braunkohle sollte zur Energiegewinnung in großen Kraftwerken dienen. So wurde ab 1925, mitten in einer von Flussauen, Wiesen und Wäldern geprägten Landschaft, das Kraftwerk Böhlen in Betrieb genommen. Hier konnte die geförderte Braunkohle gleich weiterverarbeitet werden. Damals kannte man noch keine alternativen Energien wie Sonnen- und Wasserkraft, sondern setzte ganz auf das, was gerade modern erschien. An die Zukunft dachte man noch nicht, es wurde davon ausgegangen, dass Resourcen unbegrenzt verfügbar seien, und von Umweltzerstörung und Raubbau hatte noch niemand etwas gehört. Mit der Gründung der DDR wurde die Situation noch radikaler. Abgebaut wurde nun in einem Gebiet, das Teile von Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen umfasste.

Heuersdorf im Frühjahr 2009

Braunkohletagebauten sind eine besonders fatale und zerstörerische Art, sich an der Umwelt zu rächen. Großflächig wird die Landschaft abgetragen, sodass ein riesiges Loch entsteht und die darunter liegende Kohle entnommen werden kann. Den Machthabern der DDR war es egal, was sich auf diesem Land befand. Sie handelten diktatorisch, und die Bevölkerung musste sich ihren Befehlen beugen. Ganz gleich, ob riesige Wälder, Flussauen oder verträumte Dörfer, alles wurde dem Erdboden gleichgemacht. Die Menschen, die seit vielen Generationen auf diesem Land siedelten, hatten nichts zu sagen und wurden oftmals einfach enteignet. Sie mussten sich woanders eine neue Heimat suchen. In den Städten entstanden für sie riesige Wohnkomplexe, die nicht nur hässlich aussehen, sondern auch mitnichten mit dem vorherigen Leben zu vergleichen waren, das diese Menschen führten. Hier ging es anonym zu, und mit den Jahren verlor sich die Gemeinschaft, weil immer mehr einfach wegzogen.

Aussichtspunkt bei Neukieritzsch

Nach der Wende änderte sich die Situation vergleichsweise recht positiv. Die Landesregierungen versprachen vielen betroffenen Menschen ein Bleiberecht und den Erhalt der Heimat. Das lag mitunter daran, dass diese Leute auf die Straße gingen und lautstark protestierten. In der heutigen Zeit ist das auch kein Problem mehr, denn Siedlungen können umbaggert werden und wie eine Art Insel stehen bleiben. Sicherlich hat dies eine jahrelange Belastung durch Staub und Lärm zur Folge. Aber diese Zeit ist begrenzt, und durch Schutzmaßnahmen ist ein gutes Leben an solchen Orten dennoch möglich. Priorität hat natürlich, man verzichtet gleich auf den Abbau und zieht umweltfreundliche Energien vor.

Unbestritten gab es Erfolge. Siedlungen, die jahrzehntelang mit einem Bauverbot belegt waren, konnten wieder expandieren und die Verschmutzungen des Tagebaus beseitigen. Sodann wurde ein großes Projekt verwirklicht, dass den ausgekohlten Restlöchern zu neuem Leben verhilft. Durch die Flutung und Renaturierung der Tagebaugebiete entsteht die Leipziger Neuseenlandschaft. Hier wird die gesamte Infrastruktur geschaffen, dass sich Menschen wieder wohl fühlen und erholen können. Badestrände, Wander- und Radwege, aber auch Häfen, Promenaden und Feriendörfer entstehen.

Ehemaliger Tagebau Zwenkau im Sommer 2009

Wo es einerseits Perspektiven gibt, ist es andererseits umso bedauerlicher, dass seit den Neunzigerjahren immer noch vereinzelte Dörfer abgebaggert wurden. Das betrifft zum Beispiel Eythra im ehemaligen Tagebau Zwenkau. Die Bewohner wurden zwar schon in DDR-Zeiten umgesiedelt, aber erst nach der Wende wurde das Dorf abgerissen. Wie man bei Ausgrabungen feststellte, handelte es sich um einen der ältesten Siedlungsplätze in Sachsen, wo schon vor tausenden von Jahren Menschen lebten. Auch für den Tagebau Profen verloren Tausende ihre Heimat. Das flächenmäßig größte Abbaugebiet befindet sich auf den Grenzen von Sachsen und Sachsen-Anhalt.

Siedlungshäuser von Eythra 1933

Für die Erweiterung des Tagebaus Schleenhain mussten zuletzt die Bewohner von Heuersdorf und Großhermsdorf gehen. Einer zwangsweisen Eingemeindung nach Regis-Breitingen zum 1. Oktober 2004 folgte eine lange Welle von Protesten und Aktionen, der Aufmerksamkeit aus ganz Deutschland zuteil wurde. Klagen vor Gericht halfen nichts. Unter großer Medienpräsenz konnte 2007 wenigstens die Heuersdorfer Kirche durch die Umsetzung nach Borna gerettet werden. 2009 mussten die letzten Menschen ihre Häuser verlassen. Archäologen sicherten bis zum Sommer 2010 die letzten Befunde rund um die Taborkirche in Großhermsdorf. Dabei stießen sie sogar noch auf Jahrhunderte alte Gräber mit Inventar.

Breunsdorf, bis auf wenige Häuser abgebaggert

Cospuden bei Leipzig, 1903

Eythra, Elsterbrücke, 1911

Hain bei Kieritzsch, Pfarre - Kirche - Schule, 1907

Die Harth bei Gaschwitz, 1920

Großhermsdorf, Ortseingang, Oktober 2008

Heuersdorf, Ortseingang, Oktober 2008

Prödel (Markkleeberg), alter Standort, September 2010

Stöntzsch, alter Standort, Januar 2009

Ehemalige Dörfer Dechwitz, Göhren, Göltzschen, Gruna, Kötzschwitz, Magdeborn, Sestewitz, Tanzberg, alle Kirchspiel Magdeborn, jetzt Störmthaler See, März 2010

Trachenau bei Rötha, Gutshaus - Schule - Friedrich-Stift, 1907

Gasthof Zeschwitz, Besitzer: Louis Hedrich, verschickt am 16. Mai 1921

Zöbigker-Gautzsch, Waldcafé zur Mühle, 1923
Share:

Beliebte Beiträge

Klick für mehr

Aktuelle Beiträge